ICE 4 - Elektrische Ausrüstung

    Die elektrische Ausrüstung des ICE 4 folgt einem konsequent modularen und redundanzorientierten Konzept. Anders als frühere Triebzüge mit konzentrierter Leistungsausrüstung in einzelnen Triebköpfen verteilt die Baureihe 412 ihre Hauptstrom- und Traktionskomponenten auf mehrere sogenannte Traktionswagen („Powercars“). Jeder dieser Wagen vereint Transformator, Stromrichter, vier Fahrmotoren sowie einen Hilfsbetriebeumrichter in einem geschlossenen System. In 12-teiligen Einheiten sind sechs, in 13-teiligen sieben und in 7-teiligen drei Traktionswagen integriert. Diese dezentrale Architektur erhöht die Ausfallsicherheit und ermöglicht eine flexible Leistungsanpassung an unterschiedliche Zuglängen.

    Hochspannungssystem und Energieeinspeisung
    Die Hochspannungsausrüstung ist überwiegend auf den Wagendächern angeordnet. Dort befinden sich die Stromabnehmer für die verschiedenen Einsatzländer (DB/ÖBB sowie bei langen Einheiten zusätzlich SBB), Überspannungsableiter, Vakuum-Hauptschalter, Erdungsschalter, Strom- und Spannungswandler sowie Trafotrenner. Die Dachleitung ist in drei elektrisch getrennte Abschnitte gegliedert. Dieses Segmentierungskonzept erlaubt es, bei Störungen einzelne Abschnitte selektiv abzuschalten und dennoch mehr als die Hälfte der Antriebsleistung verfügbar zu halten. Zwischen den Traktionswagen verläuft eine durchgehende Hochspannungsdachleitung, sodass der gesamte Zug mit nur einem gehobenen Stromabnehmer betrieben werden kann.

    Nach dem Heben des vom Fahrzeugrechner bestimmten Vorzugsstromabnehmers wird die Fahrdrahtspannung über Stromabnehmertrennschalter und Hauptschalter in die jeweilige Dachleitungssektion eingespeist. Von dort gelangt sie über Trafotrenner und Stromwandler zu den unterflur angeordneten Transformatoren der Traktionswagen. Die Hauptschalter werden zeitlich versetzt eingeschaltet, um Einschaltstromspitzen der Transformatoren zu minimieren. Im Fehlerfall sorgen automatische Schutzketten dafür, dass betroffene Abschnitte abgeschaltet, gegebenenfalls Stromabnehmer gesenkt und Störmeldungen im Diagnosesystem angezeigt werden.

    Transformator und Netzfilter
    Jeder Traktionswagen besitzt einen ölgekühlten Transformator mit umweltfreundlicher Ester-Flüssigkeit. Er besitzt:

    • zwei Sekundärwicklungen (2 × 950 V / 1100 kVA) für die Traktionsstromrichter
    • eine Netzfilterwicklung (461 V / 50 kVA)

    Der angeschlossene Netzfilter reduziert insbesondere Emissionen im Bereich um 10 kHz und trägt zur elektromagnetischen Verträglichkeit mit Infrastruktur und Sicherungstechnik bei.

    Zusätzlich wird die Störstromoptimierung durch:

    • variable 4QS-Taktfrequenz (im DB-Betrieb 9-fach getaktet)
    • versetzte Taktung
    • geschirmte Hochspannungsleitungen

    unterstützt.

    Die Auslegung mit Differentialschutz, Temperatur-, Druck- und Durchflussüberwachung gewährleistet einen hohen Schutzgrad. Mit einer Bemessungsleistung von rund 2,2 MVA (inklusive Bordnetzversorgung) bildet der Transformator die energetische Basis jedes Traktionswagens.

    Leistungselektronik und Zwischenkreis
    Der Stromrichter ist als kompakter Unterflurcontainer ausgeführt. Kernbestandteile sind vierquadrantenfähige Netzstromrichter (4QS) und Pulswechselrichter (PWR) in IGBT-Technik mit Wasserkühlung. Nach dem Hochlauf speisen die 4QS den Gleichspannungszwischenkreis mit etwa 1800 V. Dieser Zwischenkreis versorgt sowohl die beiden Pulswechselrichter für die Fahrmotoren als auch den integrierten Hilfsbetriebeumrichter.

    Die Anlage ist in zwei Teilzwischenkreise gegliedert. Fällt ein Teil infolge eines Leistungshalbleiterfehlers aus, kann er elektrisch abgetrennt und kurzgeschlossen werden, sodass der verbleibende Teil weiterhin arbeitet. Diese interne Redundanz erhöht die Verfügbarkeit erheblich, wenngleich übergeordnete Systeme wie Kühlung oder Steuerung weiterhin gemeinsam genutzt werden.

    Ein getakteter Überspannungsbegrenzer schützt den Zwischenkreis bei transienten Ereignissen wie Stromabnehmersprüngen. Gleichzeitig ermöglicht die sogenannte Spannungshaltung, dass bei kurzzeitiger Unterbrechung der Fahrleitungsspannung – etwa in Phasentrennstellen – Bremsenergie in den Zwischenkreis zurückgespeist und die Bordnetzversorgung stabil gehalten wird.

    Antriebssteuerung und Fahrmotoren
    Die mikroprozessorgesteuerte Antriebssteuerung regelt:

    • Zugkraft und elektrische Bremse
    • Gleit- und Schleuderschutz
    • Temperatur- und Kühlleistungsüberwachung
    • Teil-Redundanzmanagement

    Sie kommuniziert über PROFINET mit der übergeordneten Fahrzeugsteuerung und kann im Fehlerfall direkt in die Hauptschalter-Freigabeschleife eingreifen.

    Als Fahrmotoren kommen eigen- und durchzugsbelüftete Drehstrom-Asynchronmotoren mit einer Leistung von jeweils rund 420 kW zum Einsatz. Je zwei Motoren sind in einem Drehgestell zusammengefasst und über eine Bogenzahnkupplung mit einem einstufigen, achsreitenden Getriebe verbunden. Umfangreiche Temperatur- und Drehzahlsensorik ermöglicht eine präzise thermische Überwachung.

    Pro Traktionswagen arbeiten vier eigenbelüftete Drehstrom-Asynchronmotoren:

    • Leistung je Motor: 420 kW
    • Polzahl: 6
    • Max. Drehzahl: 4640 min⁻¹
    • Getriebeübersetzung: 2,9394

    Bei Schleichfahrt (≤ 40 km/h), insbesondere auf der Schnellfahrstrecke Köln–Rhein/Main mit 40 ‰ Steigung, schützt eine temperaturabhängige Logik vor thermischer Überlastung durch Sperrung der E-Bremse.

    Redundanz- und Sicherheitskonzept
    Die Hochspannungsanlage ist konsequent redundant ausgelegt. Dachleitungsabschnitte, Trafotrenner und Teilzwischenkreise können selektiv isoliert werden. Die Not-Aus-Schleife wirkt zugweit und löst bei Unterbrechung das sofortige Ausschalten aller Hauptschalter sowie das Senken sämtlicher Stromabnehmer aus. Ergänzend ermöglicht ein automatisiertes Erdungskonzept die sichere Wartung der Hochspannungsanlage. Dabei werden nach Auslösung eines definierten Erdungsablaufs alle relevanten Komponenten in eine sichere Erdstellung gebracht und deren Zustand überwacht.

    Mehrsystemfähigkeit und 1-kV-Betrieb
    Der ICE 4 ist für verschiedene 15-kV-16,7-Hz-Netze (DB, ÖBB, SBB) ausgelegt. Stromsystemwechsel können im Stand oder während der Fahrt erfolgen. Die Fahrzeugsteuerung konfiguriert dabei automatisch Stromabnehmerauswahl, Schutzparameter und Antriebsregelung neu.

    Eine Besonderheit stellt die 1-kV-Einspeisung dar, die für Vorspann- oder Fremdeinspeisebetrieb vorgesehen ist. In diesem Modus wird die Traktion gesperrt und das Bordnetz über speziell verschaltete Transformatorwicklungen und den Stromrichter versorgt. Auch stationäre 1-kV-Versorgung oder die Einspeisung über eine vorgesetzte Lokomotive sind möglich. Für Wartungszwecke steht zusätzlich eine 670-V-DC-Einspeisung zur Verfügung, die direkt in den Zwischenkreis des Hilfsbetriebeumrichters wirkt.

    Bordnetz und Energieversorgung
    Die Bordnetzversorgung erfolgt aus dem Traktionszwischenkreis über den HBU:

    • 480 V / 60 Hz Drehstrom-Zugsammelschiene
    • 110 V DC-Bordnetz über Batterieladegeräte

    Durch die Funktion „Spannungshaltung“ bleibt das Bordnetz auch bei kurzzeitiger Fahrdrahtspannungsunterbrechung versorgt (Energiespeisung aus Bremsenergie).

    Zusätzliche Einspeiseoptionen:

    • 1 kV AC Fremdeinspeisung
    • 670 V DC Wartungseinspeisung
    • 110 V DC Batterieeinspeisung

    Ein intelligentes Abschaltprofil priorisiert bei Ausfall externer Energiequellen sicherheitsrelevante Verbraucher und fährt Komfortfunktionen zeitgesteuert herunter, um die Tiefenentladung der Batterie zu verhindern. Nach 180 Minuten sind alle Verbraucher von BN 1 und BN 2 abgeschaltet bzw. im Ruhezustand. Die elektronische Fahrzeugsteuerung läuft weiter bis die Unterspannungsüberwachung anspricht.